Im Garten der Noldes
Künstlergärten sind häufig die Weiterführung des Kunstschaffens im natürlichen, dreidimensionalen Raum. An ihnen lässt sich Vieles ablesen, was den Künstler bewegte, der ihn geschaffen hat. In Bildern ergründet er den Geist, der seinem Garten innewohnt. Die freie Autorin Kirsten Jüngling spürt dem Garten Noldes und seiner Bedeutung für dessen Kunst nun in ihrem Buch „Der Garten von Emil Nolde“ nach. Viele haben den Garten bereits erkundet, Noldes Gartenbildern in den Museen der Welt betrachtet.
Gemeinsam mit Ada, seiner Ehefrau, Managerin und Muse schuf sich der Maler Emil Nolde vor rund 100 Jahren in Seebüll einen Platz für die Kunst- sei sie nun gemalt oder im Grünen erschaffen – in einer Region, die teilweise unterm Meeresspiegel liegt. Als Inspiration für ihren Garten in Seebüll dienten den Noldes unter anderem die Arts and Crafts-Gärten Englands, aber auch die Gärten Dänemarks. Auch auf seinen vielen Reisen durch die ganze Welt sammelte Emil Nolde Erinnerungen, die in die Gestaltung des Gartens in Seebüll einfließen sollten. So erhielt zum Beispiel sein Gartenhaus, das „Seebüllchen“, in dem der Künstler schrieb und malte, die Gestalt einer Hütte in der Südsee. Mit seinem Entwurf schafft Nolde Gartenräume, das Haus wird auf den Garten bezogen und noch weiter in die Landschaft hinaus.
Dem Entstehungsprozess und dem Besonderen des Noldegartens spürt Kirsten Jüngling auf sensible, aber nie gefühlige Art und Weise nach. Das Buch atmet die vielen Jahre an Recherche der Autorin zum Künstler, zu Haus und Garten und den Pflanzen, die ihn „bewohnen“, ohne zu einem überfrachteten Almanach zu werden. Es macht den Kampf gegen rauen Wind und oft widriges Wetter in einer herausfordernden, einzigartigen Landschaft anschaulich, den die Noldes bei der Erschaffung ihres Gartens zu führen hatten. Das Ehepaar prägt dem Garten in Seebüll seinen Stempel auf, nicht zuletzt bei der Wegeführung – mit den Initialen A und E aus beider Vornamen als gestaltendem Element.
Wir dürfen den Gärtnern von einst bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen, die einst im Garten wirkten, begegnen beim Lesen den Gartenfreunden der Noldes, mit denen sie sich intensiv austauschten. Und man erfährt natürlich von den pflanzlichen Bewohnern des Gartens, all dem Rittersporn, den Sonnenblumen, Lupinen und Gladiolen, in deren Mitte Nolde malte und denen man hinterher auf des Malers Bildern begegnen wird. Er verstand, wie es der Staudenzüchter Karl Foerster formulierte, „die Traumseele der Blume [zu] malen“.
Historische Aufnahmen führen uns in den Garten in seinen Entstehungsjahren, aktuelle Fotografien lassen den Zauber des Gartens durch die Jahreszeiten erleben. Für diejenigen, die den Nolde-Garten noch nicht kennen, ist Kirsten Jünglings Buch ein wahrer „Garten-Verführer“. Wer die „gepflanzte Inspirationsquelle Emil“ Nolde bereits hat besuchen dürften, dem wird es eine schöne Erinnerung an einen besonderen Ort sein. Und in jedem Fall werden wir Noldes Gartenbilder nun mit wacheren Augen sehen!
Kirsten Jüngling: Der Garten von Ada und Emil Nolde, Klinkhardt & Biermann, München 2026, 128 Seiten, 100 Farbabbildungen, 30 €.

